Br. Ulf’s Blog

Br_Ulf

Mission I
19. März 2016
Die Gebildeten ziehen sich aus dem Internet zurück. So steht es heute in der Zeitung. Was für eine Nachricht. Aber wir wissen es doch alle schon längst: Das Internet ist ein ‚No Go Area‘ für Menschen mit Verstand. Dazu ist es seit Anbeginn geworden. Und die Rentner unter uns, die sich noch an den deutschen Vorläuferdienst ‚BTX‘ erinnern können, werden es bestätigen: Nichts als Kommerz, nur damals noch, aber ausschließlich wegen der fehlenden technischen Möglichkeiten, ohne lustige Katzenvideos. Etwas Emailähnliches gab es auch schon, doch um auf diesem Weg Nachrichten auszutauschen, mußten sowohl Sender als auch Empfänger im Besitz einer sündhaft teuren BTX Einrichtung sein, oder wenigstens jemanden damit kennen. Eine Email kostete damals 30 Pfennige. Das Schreiben von Postkarten war einfacher und schneller.

Und seitdem ist es, wie wir alle wissen, immer nur steil bergab gegangen. Außerdem, seit der Einführung von BTX, so seit Ende der 1970er Jahre geschieht auch noch das: Die Kirchen werden leerer und leerer. ‚Glaubensverdunstung‘ nennt das ein Leserbriefschreiber der Kirchenzeitung. Doch wohin ist der Glaube verdunstet, etwa ins Internet? Und dann gibt es wieder mehr und mehr Mitchristen, die das missionarische betonen. Das ist wichtig: wie sollen denn die Kirchen wieder voller werden, wenn nicht durch Mission? Die Mission war uns Christen schon immer wichtig, von Anfang an. Die Apostelgeschichte ist voll davon: Hoffnungsvolle Anfänge, bittere Rückschläge, Streitereien, Prügel und Gefängnis für die Missionare. Und das alles zu Fuß, auf Um – und Irrwegen. Und wie haben die Apostel missioniert? Etwa in dem sie umsonst Bibeln verteilt und den Katechismus mit Lautsprechern in die staunende Menge posaunt haben? Eher nicht. Sie haben mit ihrem Leben missioniert. Sie haben von dem berichtet, was sie erlebt und erfahren hatten, sie haben versucht, ihren neuen Gemeinden das vorzuleben, was sie ihnen vermitteln wollten. Und sie sind nicht dahin gegangen, wo es einfach und bequem war, nicht nur an die Orte die einfach zu erreichen waren. Sie sind dorthin gegangen, wo es keine gut gebahnten Wege gab, an die Orte, wo es weh getan hat. Weh von den Steinen auf dem Weg und in den Sandalen, von den Dornen, durch die sie sich den Weg bahnen mußten und auch von den Knüppeln derer, die sie nicht willkommen heißen wollten.

Und genau dorthin muß die Mission immer gehen: In die Ecken der Welt, in denen es weh tut. Dahin, wo kein gebildeter Mensch mehr hin will. An die Orte, an denen es für ein vernünftiges Wort Hasstiraden und Morddrohungen gibt: Also an die Orte, an denen wir gebraucht werden.

Oder wir stellen uns in die Fußgängerzone und verteilen umsonst Bibeln. Dann können wir auch unsere tolle Lautsprecheranlage aufstellen, und den Katechismus über die staunenden Passanten ausposaunen.

Heilige II: Berufungen

Gesund und munter, wohlhabend und mit den besten Aussichten auf eine einträgliche Karriere macht sich der zukünftige Heilige Norbert von X. am Freitag den 28. Mai 1115, nach einer nicht besonders anstrengenden Woche in seiner Stellung als Chorherr im Stift St. Victor, auf den Weg ins Wochenende, gerät dabei in ein Gewitter und fällt vom Pferd, als ein Blitz vor ihm einschlägt. Fortan wird er fromm, ein Wanderprediger, gründet einen Chorherrenorden tut viele gute Werke und reformiert die Kirche.
So kann sie sich anhören, die Geschichte einer Berufung und deren Folgen. Schön und gut, aber wirklich glaubhaft? Lieber Leser, Sie und ich dürfen niemals vergessen, daß wir nicht dabei waren, und über das Ziel der Wochendreise müssen wir uns keinGedanken machen.
Es lohnt sich eher, darüber nachzudenken, ob ein Blitzschlag alleine ausgereicht hat Norbert, Sohn des Heribert von Gennep zum Heiligen Norbert zu machen, oder ob vielleicht etwas mehr dazu gehört, als mit Spektakel vom Pferd zu fallen. Immerhin verfügte Norbert nicht nur über hinreichenden Wohlstand und religiöse und politische Bildung, sondern mußte sich darüberhinaus bereits einiges Ansehen erworben haben. Denn im Gefolge des Erzbischofs von Köln war er mit dem Salierkönig Heinrich dem fünften nach Rom gezogen, der sich in den Kopf gesetzt hatte, als Kaiser Karl der fünfte von dort zurückzukehren. Die Mittel, mit denen er seine Krönung zum Kaiser sicherzustellen wußte waren recht nachdrücklicher und unsportlicher Natur, und so müssen wir davon ausgehen, daß der zukünftige Heilige Norbert kein Dummkopf war,  sondern gute Gründe hatte, als er das Angebot seines frisch gebackenen Kaisers ausschlug, Bischof in Cambrais zu werden. Was für eine Kariere wäre das gewesen: Ein Sprung vom wohlhabenden und angesehenen Chorherren zum Herrscher über große und reiche Ländereien. Doch, wie gesagt, das Angebot seines Kaisers lehnte er ab. Dabei stellt sich nebenbei die Frage, was ein weltlicher Herrscher, Kaiser oder nicht, damit zu tun hat, Bischofssitze zu vergeben. Diese Frage war schon zu Norberts Zeiten nicht neu. Der Vater Karls des V, Karl der IV, hatte in dieser Angelegenheit schon einen längere Winterreise  nach Canossa  unternehmen müssen. Ein paar Jahre später — genau gesagt im Jahre 1122 — gab es einen dann einen Kompromiss Zwischen Reich und Kirche.
Was will und das alles sagen? Als Norbert auf dem Weg in seinen wohlverdienten Wochenendurlaub vom Pferd viel, wird der Blitz ihm wahrscheinlich nicht die Erkenntnis über den Zustand der Welt gebracht haben. Auch was er der Welt geben könnte um deren Zustand zu bessern wußte er bestimmt schon vor dem fraglichen Termin. Die Erkenntnis Norberts über den Zustand seiner Zeit kam nicht vom Blitz und auch nicht wie ein Blitz, und die Berufung bestimmt auch nicht. Alles muß schon vorher da gewesen sein. Der Blitz hat nur einen Startpunkt gesetzt. Mit dem Schreck darüber kann sich das, was längst in Einzelteilen existiert hat zusammengesetzt und etwas neues ausgelöst.
Was bedeutet das nun für uns? Für mich bedeutet es, daß es keinen Zweck hat, ein Gewitter abzuwarten, sich an eine exponierte Stelle zu stellen und abzuwarten, daß einen der Blitz trifft, um hinterher als Heiliger loszuziehen und die Welt zu retten. Aber hin und wieder braucht man einen Tritt um aus dem, was man weiß und kann etwas neues entstanden zu lassen.

PS.:
20356 1/2 Wochen später ist Martin Luther in den Semesterferien auf dem Weg nach Hause. Auch bei ihm schlägt der Blitz ein und vor lauter Schreck ruft er die heilige Anna an: „Ach Du, heilige Anna, ich möchte Mönch werden.“ Auch wenn es auf derm ersten Blick so aussieht: der Unterschied zum Heiligen Norbert könnte größer nicht sein: Der eine geht nachdem er knapp dem Tod entronnen ist hinaus in die Welt und lässt sich auf ein gefährliches Leben voller Arbeit, Entbehrungen und Verdruß ein, der andere möchte sich in ein Kloster verziehen. Aber dieser an sich gute Vorsatz Luthers hält gerade einmal zwei Wochen: anstatt ein Mönch zu werden, tritt er in das schwarze Kloster der Augustiner Eremiten — eines Bettelordens — in Erfurt ein.

Heilige I: Nichts als Ärger und Verdruss

Auf dem Weg von Sayn nach zur ehemaligen Prämonstratenserabtei Arnstein bei Obernhof an der Lahn fragte Sr. Martina sich und uns, warum wir den einen oder anderen Heiligen ver­ehren, aber die Radikalität, die viele dieser Heiligen in ihrem Leben gelebt haben, in unserem Leben nicht zu­lassen. Wer hat sich diese Frage schon einmal gestellt? Hoffentlich jeder von uns. Aber wie können wir mit dieser Frage umgehen?

Im günstigsten Fall ist es so, daß diese Radikalität in unserem Leben nicht gefordert wird. Aber mit den günstigsten Fällen ist das so eine Sache: sie treten leider nur sehr selten ein. Die Welt ist voller Fragen und voller Elend. Wie sollen wir darauf reagieren? Wie wissen wir, ob wir das richtige tun? Wie können wir wissen, ob wir das richtige wollen? Und, wenn wir wis­sen – oder annehmen – daß wir das richtige wollen, wie können wir sicher sein, daß wir dann auch das richtige tun? Kann es sein, daß nichts tun manchmal besser ist als alle gut gemeinte Aktio? Ist es besser, voller Empörung laut schreiend auf die Straße zu rennen oder still Hilfe zu leisten? Gibt es jemanden der von Amts wegen zuständig ist und nur aktiviert werden muß? Soll jedes Problem in der Tiefe analysiert wer­den? Verursacht eine gute Lösung an einer Stelle vielleicht neues Unrecht an einer anderen Stelle? Fragen über Fragen, die sich jeden Tag neu stellen.

Hatten es unsere Heiligen vielleicht leichter? War ihre Welt überschaubarer? Konnten sie sich in ihrer Nachfolge Christi in blindem Gottvertrauen darauf verlassen, den richtigen Weg zu gehen, das richtige zu tun? Natürlich nicht. Warum nicht? Weil sie in ihrem Erdenleben wohl in den seltensten Fällen eine Idee davon gehabt haben, daß sie eines Tages als Heilige betrachtet würden, oder daß das was sie ta­ten für ihre Nachwelt irgend eine Bedeutung haben könnte. Sie mussten ihr Tun, wie jeder andere Mensch auch, vor sich und anderen rechtfertigen.

Eine repräsentative Umfrage unter unseren Heiligen ist heute kaum möglich, aber ich vermu­te daß das Ergebnis etwa so aussehen würde:

  • Etwa 100% aller Heiligen beklagen sich darüber, daß ihr Leben nichts als Ärger und Ver­druss mit sich gebracht hat. Sie beklagen Auseinandersetzungen mit ihren Eltern, die nun gar nicht verstehen wollten, daß der Nachwuchs die gewünschte Berufslaufbahn nicht eingeschlagen hat, den sorgfältig ausgesuchten Ehepartner auf keinem Fall heiraten wollte oder das Familienvermögen zwie­lichtigen Hungerleidern in den Rachen geschoben hat. An dieser Stelle könnte natürlich noch mehr stehen, aber auch fast ohne Phantasie findet sich hier noch vieles, auf das jeder selber kommen kann.

  • Ebenso stimmt es so um die 100% aller Heiligen äußerst verdrießlich, daß ihr Engagement weder von ihren Kirchenoberen oder anderen Mitmenschen zu ihren Lebzeiten in irgend einer Form gewür­digt worden ist. Ganz im Gegenteil. Nur um ein paar kurze Beispiele zu nennen: Kaum macht sich Theresa von Avila mit einigen Schwestern selbstständig, will in der Nachfolge Christi fromm von eigener Hände Arbeit leben, kommt auch schon die Polizei und will diesem un­würdigen Spuk mit Gewalt ein Ende machen. Thomas von Aquin kann ein Lied davon sin­gen, was die Familie so anstellt, wenn man auch nur in den den falschen Orden eintritt und auch Franz von Assisi hat, was Ärger mit Familie und Kirchenoberen angeht, reichlich aus dem vollen geschöpft. Diese Reihe kann beliebig bis in unsere Tage fortgesetzt werden. Noch ein fast aktuelles Beispiel gefällig? Auch Mary MacKillop hatte es nicht leicht. Ihre Idee, Bildung unter die Kinder das armen australischen Landbevölkerung zu bringen, stieß bei ihren Mitmenschen offensichtlich mehr als einmal auf wenig Begeisterung, genau so wenig Jahrhunderte vorher die Ideen und Aktionen von Mary Ward.

  • Ziemlich viele Heilige hatten, zumindest Zeitweise, auch ein Problem mit Gott selber. Erst füllt er ihre Herzen mit dem brennenden Wunsch, seinem Sohn nachzufolgen, er schenkt ih­nen die Gaben, die sie für ihre Aufgabe brauchen und schickt ihnen die Menschen die mit ihnen gehen. Und dann lässt er sich kaum noch blicken und sie müssen selber sehen, wie sie zurande kommen. Zusammen mit den oben genannten Punkten kann so etwas ganz schön belastend sein.

  • Auch Mystik und Visionen sind kein Zuckerschlecken, erst recht wenn andere Menschen davon Wind bekommen, die dann auch ein Stück vom Kuchen der Nähe Gottes abhaben wollen, ohne selber allzuseher darunter leiden zu müssen. Diese Heiligen haben wirklich Pech: Sie müssen sich ständig vor der zudringlichen spirituellen Laufkundschaft verstecken, und kommen kaum noch zu dem, was sie eigentlich tun wollten. Die Geschichte ist voller Einsiedler, um die herum sich eine mittlere spirituelle Vermarktungsindustrie angesiedelt hat.

  • Von den Unannehmlichkeiten die Märtyrer auszustehen haben muß hier nicht erst geredet werden, sie sollten allgemein bekannt sein.

Das alles wissen wir, oder wir ahnen es zumindest. Und trotzdem ist immer der Wunsch in uns, sich solchen Herausforderungen zu stellen. Vielleicht sehnen wir uns auch ein bisschen danach, während der Verstand dann doch immer wieder die Oberhand gewinnt indem er auf die Bequem­lichkeit geheizter Wohnungen in Gegenden mit erträglichem Umgebungsbedingun­gen hinweist und uns die Vorzüge geregelter Arbeitszeiten vor Augen führt. Ist vielleicht der Verstand der kleine Bruder der Bequemlichkeit?

Ich will nicht, daß sie alle zur Hölle fahren!

Herr T.  ist deutlich: “ Ich wünsche ihnen die irdische Höchststrafe. Und dass sie anschließend zur Hölle fahren.“ schreibt er auf Facebook. Das äußert er zu den letzten Anschlägen in Kuwait, Tunesien und Frankreich. Verständlich, oder? Wieder einmal sind Menschen gestorben, weil irgend jemand Sprengstoff und/oder Sturmgewehren auf sie losgegangen ist. Die Begründung dafür ist wieder einmal ein heiliger Krieg, und dem heiligen Krieg ist es , entgegen der eigenen Aussage egal, wer ihn gegen wen und warum führt. Hauptsache er wird geführt. Hauptsache es finden sich frustrierte, perspektivlose — junge — Menschen, die die Welt retten wollen und sich dafür Sprengstoffgürtel umschnallen lassen. Menschen, die es gerne glauben wenn man ihnen erzählt, daß sie für das richtige kämpfen und mit einem billigen Sturmgewehr unbesiegbar sind.

Wir alle glauben so gerne, daß wir im Recht sind. Umso lieber, wenn wir in unseren Meinungen bestätigt werden. Wenn wir dann noch schießen dürfen und Helden werden…

Doch wer profitiert? Die Welt ist es nicht, die Gerechtigkeit, die so gerne von allen Beteiligten bemüht wird bestimmt auch nicht. Kaum die Menschen vor Ort, die wechselweise von den unterschiedlichen heiligen Kriegern von den jeweils anderen heiligen Kriegern befreit werden und diese dann dafür mit den kümmerlichen Resten ihres Besitzes bezahlen müssen, wenn sie Glück haben. Denn auch für die heiligsten aller Krieger gilt: Bargeld ist nicht alles.

Ist es da ein Wunder, wenn jemand die Mörder zur Hölle wünscht? Kaum. Aber Vorsicht: Wenn es eine Hölle gibt, und Herr T. scheint daran zu glauben, dann muß er sich mit dem Gedanken anfreunden, daß es auch einen Teufel gibt. Und was wird Teufel wohl wollen? Ich nehme an, er will auch, daß sie alle zur Hölle fahren. Damit sie für immer zu ihm gehören. Wer also — wen auch immer — zur Hölle wünscht, muß sich also fragen, wessen Geschäft er wohl erledigt.

Deshalb gilt für mich: Ich will NICHT, daß sie alle zur Hölle fahren, ich will, daß sie mit dem Morden aufhören! Natürlich darf man sie nicht mit ihren Taten davonkommen lassen. Aber nach menschlichem Recht und Gesetz. Doch nicht nur die traurigen Gestalten, die ihre Mitmenschen aus Dummheit umbringen, sondern auch die, die sie dazu anstiften und, wenn es Gerechtigkeit in der Welt gibt, erst recht diejenigen, die am Ende ohne blutige Hände dastehen und sich ihrer Einnahmen aus den heiligen Kriegen freuen.

Der Müll

„Die lassen alles aber auch einfach so aus der Hand fallen!“ Ereifert sich jemand. Seinen Müll nicht sorgfältig mach den Regeln der Abfallwirtschaft zu entsorgen gilt als unschicklich. Müll gehört in die Mülltonne. Und zwar in die richtige. Papier zu Papier, grüner Punkt zu grünem Punkt und Staub zu Staub. Ärgerlich ist es, wenn unterwegs kein geeigneter Abfallbehälter zur Verfügung steht, dann hilft nichts: Der Müll wird mit nach Hause genommen.
Und so wundert sich der eine oder andere über die bösen Blicke die man ernten kann, wenn man, vielleicht bei einem Freiluftkonzert im Ausland, die Rückstände seines Picknicks, getrennt, wie es die heimatliche Vorschrift vorschreibt, in die extra dafür beschafften verschiedenfarbigen Mülltüten verbringt um sie zum Auto zu schleppen. Warum nur? Warum erntet man böse Blicke von landschaftverschandelnden Umweltverschmutzern, die ihren Müll einfach liegen gelassen haben, für völlig normales und anständiges Verhalten? Was ist falsch daran, seinen Müll sachgerecht zu entsorgen? Ist etwa das Böse etwa so tief in diese vorhin noch so nett erscheinenden Menschen gefahren daß sie die Welt mit grimmigem Vorsatz in ihrem Müll ersticken wollen?
Überhaupt nichts ist falsch daran, sachgerecht mit seinem Müll umzugehen. Doch was ist (sach)gerecht?
Fragen sie die Menschen, die dafür bezahlt werden, diesen Müll zu sammeln und abzutransportieren. Sie haben so die Gelegenheit, ihren — zugegebenermaßen meist recht bescheidenen — Lebensunterhalt zu verdienen. Und sie hatten die Gelegenheit, ein Konzert zu hören. Zu weit von der Bühne entfernt um die Bühnenshhow zu sehen, aber nahe genug, um sich an der Musik zu freuen.

Die Wochentagsmesse

Ach wie kann das schön sein. Eine feierliche Messe am Sonntag, an einem Hochfest. Die Kirchenbänke sind dicht gefüllt, selbst die Stühle ganz hinten sind alle besetzt. Ein großer Einzug, mit allem was die Gemeinde – oder der Pfarrverband – zu bieten hat: Priester, Kapläne, Diakone, Messdiener und Liturgiemädchen, Lektoren, Kollektoren, Kommunionhelfer… Die Orgel spielt, der Chor singt, die Gemeinde singt, und die Predigt ist nicht zu lang. Kerzen, Weihrauch. Wie früher, sagt Oma Krause und wischt sich verstohlen eine Träne der Rührung aus dem Augenwinkel.

Aber, was hat diese ganze Pracht gegen die Wochentagsmesse am Dienstag oder Donnerstag Abend zu bieten? Wenn die übliche Freiwillige noch schnell nach der Arbeit alles nötige vorbereitet hat, und sich im Kirchenschiff oder der Kapelle die Gottesdienstbesucher einfinden. Wie viele sind es wohl? Die beiden alten Frauen, die sowieso immer kommen, eine philippinische Putzfrau aus der Nachbarschaft, der eine oder andere, der auch nicht den Eindruck besonderen Reichtums hinterlässt, ein oder zwei Lehrer die den Nachmittagsunterricht gerade hinter sich gebracht haben, ein Pärchen, das so aussieht, als müsste es sowieso alle Wege gemeinsam machen, da sich irgendwelche der zahlreich an ihrem Körper angebrachte Metallteile unlösbar ineinander verhakt haben, etliche Menschen, denen man ansieht, das sie weder alt noch arm, weder einsam noch traurig sind. Wer liest die Lesung? Diese Frage wird noch schnell geklärt, während der Priester noch im Stau steht. Predigen muß er an einem Wochentag nicht, vielleicht tut er es trotzdem, wenn er meint, daß etwas zu sagen ist. Vorbereitet hat er sich immer, man merkt es an der Begrüßung. Je nach Neigung werden Kyrie und Gloria gesungen oder auch nicht, doch zu einem gesungenen Halleluja und Sanctus reicht es immer.

Nach dem Gottesdienst grüßt man sich, vielleicht spricht man noch ein paar Worte mit einem Bekannten und geht seiner Wege. Und am Donnerstag Nachmittag trifft man sich wieder zum Gottesdienst. Es sind nicht immer die Selben die kommen, aber es noch nie vorgekommen, daß niemand da war. Ob an einem trüben Novembernachmittag oder an einem Sommertag. Das Wort Gottes wird mitten in der Woche gehört. Mitten in der Woche treffen sich Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, um gemeinsam zu beten und Gottesdienst zu feiern. Ganz normal, ohne Aufsehen. Und ohne Orgel.

10. November 2012

Es muß ein Stuhl sein. Pastor K. besteht darauf. Unbedingt. Ein leerer Stuhl, an der Krippe. Ein Stuhl an der Krippe in der das Jesuskind liegt. Egal wie hoch der Aufwand und die Kosten dafür sind, so muß es in den Gemeindebrief. Pastor K. hat sogar selber einen Stuhl dafür fotografiert. Mehrfach. Auf der Straße, von vorne, von oben und sogar von unten wurde der Stuhl, in einer Astgabel auf einem Baum drapiert, aufgenommen. Und so macht man sich an die Arbeit. Das Foto von der Krippe wird neu aufbereitet, ein neuer Ausschnitt festgelegt, der Stuhl freigestellt und einmontiert.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Alle sind da: Der Stuhl, Maria und Joseph, Ochs und Esel, ein Engel, die drei heilige Könige, ein Dudelsack spielender Hirte, Schafe, Stroh, und natürlich die Krippe mit dem Jesuskind.
Die Überlegung hinter dem Stuhl scheint die zu sein: Welcher ist Dein Platz an der Krippe? Alle um die Krippe herum haben ihren Platz: Einer hatte den Auftrag den Schäfern Bescheid zu sagen: Der Engel. Die Könige sind einem Stern gefolgt, Ochs und Esel waren eigentlich schon immer in dem Stall, schließlich wohnen sie dort. Maria und Joseph haben natürlich ihren Platz direkt an der Krippe. Maria, die unverheiratete, die das Kind weit von zu Hause weg bekommen hat. Ihr Glück. Ob in Dorf vor 50 Jahren in Deutschland oder in einem Dorf vor 2000 Jahren in Palästina: Das Leben hätte ihr kaum noch etwas erfreuliches zu bieten gehabt, wenn die Verwandtschaft gemerkt hätte, was los ist. Und erst der gehörnte Bräutigam. Maria trotzdem zu heiraten wäre ihm wohl auch schlecht bekommen. Ganz gut also, daß die beiden auf ihrem Weg gerade weit weg von zu Hause sind, auch wenn es als Unterkunft und Kreißsaal nur zu einem Stall reicht. Das sind schon zwei: Maria ist eher kommunikativ, („Meine Seele preist die größe des Herrn…“) und Joseph schweigsam zu nennen, wäre eine Untertreibung. Er sagt nämlich kein Wort. Nicht ein einziges. Nicht bei Lukas, nicht bei Matthäus, nicht bei Marcus und nicht bei Johannes. Aber Trotzdem hat er natürlich etwas gesagt: Er hat auf seine schweigsame Art genau das Selbe wie Maria gesagt. Und beide haben „Ja“ gesagt, zu dieser ungeheuren Zumutung, vor die sie von Gott gestellt worden sind. Noch einmal im Detail: Die Mutter ist verlobt. Ausgehend von einer Kultur, in der die Mädchen mit 14 verheiratet werden, kann man sich das Eine oder Andere ausrechnen. Ihr Bräutigam kann durchaus etwas älter gewesen sein, doch selbst bei vorhandenem Bartwuchs: die Zeit, sich einen prächtigen Vollbart zuzulegen, wie in seine Figur an der Krippe hat, wird er wohl noch noch nicht gehabt haben. Er ist zwar der Verlobte, aber er ist nicht der Vater. Und erst das Kind: Wider die Natur wie wir die Natur verstehen, oder, wie wir es der Hymnus „Alma redemtoris Mater“ singen: „Natura mirante – Der Natur zum Staunen.“ Die Kommentare der Eltern, Tanten und Verwandten sind abzusehen: „Eine tolle heilige Familie haben wir da…“ Nur Teenager können so etwas.
Und welches ist nun unser Platz an der Krippe? Wie gut, daß uns Pastor K. schon einen Stuhl hingestellt hat, damit wir wissen, wohin wir uns setzen sollen. Einen Stuhl, damit wir es bequem haben, während die anderen knien.

6. November 2012

nach der Messe bei den englischen Fräulein(s) habe ich noch schnell einen Blick auf den neuen Konsumtempel in unserem Viertel geworfen. Er liegt gleich hinter dem Griechischen Restaurant noch vor dem Bahndamm und ist wirklich nagelneu, er wurde erst in der letzten Woche eröffnet. Vor dem Portal traf ich meine Mutter, die eigentlich gerade wieder aufs Fahrrad steigen wollte, es sich dann aber nicht nehmen ließ, mir noch eine Führung durch das neue Heiligtum angedeihen zu lassen. Wirklich beeindruckend, das Ganze: Gleich am Eingang links ist eine Kapelle der Fortuna, dort kann man sich gegen eine kleine Spende für den Lottoschein die garantierte Gewinnchance sichern. Danach eine Fisch- dann eine Brot und, ganz am Ende, wohl im Sinne der Ökumene, eine türkische Dönerkapelle. Das Hauptschiff ist riesig, was der Mensch braucht ist dort versammelt. Auch die Organisation ist perfekt, überall laufen Ministranten herum, die dem irrenden den Weg zu den richtigen Altären weisen. Und erst die Kollekte: man muß nicht lange warten, um seinen Obolus entrichten zu dürfen.
Praktisch, so ein Supermarkt.

Dritter Orden der Prämonstratenser / Communitas Tertiarii Saecularis